EM Kolumne 2008 (4) – „A 100% iger Sitzer“

19. Juni 2008

( erschienen jeweils in 10 deutschen Tageszeitungen )

Ö3 live im Internet beim Spiel Österreich gegen Deutschland mit dem Reporter-Duo Adi Niederkorn und Edi Finger jun : ein Hör-Genuss, obwohl es nur Kurzeinblendungen waren. Edi oder Adi meinte mit dem „100%igen Sitzer“ die große Torchance durch Mario Gomez gleich am Anfang. Und Adi oder Edi darauf: “Da ham ma Massel ghabt“ Da wollte der deutsche (sic!) Ball halt noch nicht ins Netz der Österreicher. Aber ansonsten wollen immer mehr ins Netz, weltweit.
Längst leben wir in einer Zeit, in der man alle wichtigen Informationen aus dem weltweiten Netz holen kann. Am PC kann man bequem Radiosendungen (z.B. der BBC.) oder mitreißende EM-Radioreportagen live oder als podcast hören. Und zur neuen Bundesliga Saison 08/09 wird im Internet und nicht nur da mit „90elf“ gar das erste deutsche 24 Stunden –Fußballradio an den Start gehen.

Früher ging man in die Fußgängerzone und suchte sich Meinungen. Gab man diese dann irgendwo wider, musste man beim O-Ton-Spender vorher um die Erlaubnis gefragt haben. Im Internet kann heute jeder Meinungen absondern. Egal, ob tumb, ehrverletzend oder mitunter auch durchdacht. Meistens allerdings geschieht dies anonym und manches riecht verdammt danach, dass es mit unterschiedlichsten Absendernamen anonym und gleichzeitig sogar von zwei, drei zu kurz gekommenen Selbstdarstellern gesteuert wird.
Aber es gibt im Netz auch intelligente, witzige „Weblogs“ kurz „Blogs“ und Foren – sogar mit Namensnennung der Autoren, z.B. bei „11 FREUNDE“, „allesaussersport. de“ um nur einige wenige der Guten zu nennen. Sogar während aktueller EM-Spiele werden hier in „Echtzeit“ Meinungen ausgetauscht. Und das alles andere als zimperlich.
Genau darauf und auch auf eine anonyme Diskussion im Netz über die Reporter-Einteilung zum EM-Endspiel am 29. Juni wies dieser Tage die FAZ hin – neben der SZ für mich immerhin eine der Qualitäts-Zeitungen mit der renommiertesten Sport -und Medienredaktion.
Das wiederum verblüffte mich dann aber doch. So betrachtet ist das Internet schon jetzt mehr als nur ein “100%iger Sitzer“

EM KOLUMNE 2008 (3) – Scholl – der große Gewinner

14. Juni 2008

( erschienen jeweils in 10 deutschen Tageszeitungen )

Hoppla, auch ZDF- Mann Wolf- Dieter Poschmann kann’s. Und wie! Thomas Wark mit angenehmer Stimme und perfektem Deutsch und Bela Rethy ,wenngleich sprachlich gerne etwas sonderbar, sowieso. Aber dass der sonst oft langatmige Poschmann, mitgerissen von drei spannenden Spielen, plötzlich die einfache Sprache des Fußballs hörbar und glaubhaft lebt , gehört für mich zu den schönsten Überraschungen dieser Europameisterschaft. Bravo!
Aber auch die beiden ARD Männer Steffen Simon und Tom Bartels haben ihre Sache wirklich gut gemacht. Spritzig, mutig und fachlich fundiert überzeugte dabei vor allem Steffen Simon z.B. bei einer weiteren für mich persönlich völlig abseitigen Abseitsregel-Auslegung .Respekt!
Natürlich kann man bei jedem Kollegen wie bei jedem EM-Spieler immer auch Fehler oder Eigentümlichkeiten finden, vor allem dann, wenn man sie krampfhaft sucht. Für mich ist daher nur entscheidend: Hat der Reporter bzw. Kommentator eine eigene, unverwechselbare und vor allem glaubwürdige Art und klingt seine oder ihre Stimme angenehm..? Alles andere ist weitgehend Geschmackssache und zudem abhängig vom jeweiligen Spiel und der Tagesform aller Beteiligten. Dennoch: wir eher steifen Germanen könnten uns gerade beim Fernsehen einiges von den fabelhaften, eingespielten Duos der englischen oder italienischen Kollegen abschauen
Nun aber zum Besten: der erfrischend unkomplizierte Fußballfachmann Mehmet Scholl. Mehr Ehrlichkeit und ansteckende Begeisterung in den funkelnden Augen geht gar nicht. Er ist für mich jetzt schon der große Gewinner und neue Hoffnungsträger für die ARD. Ein Genuss für jeden Fußballfan ! Auch Jürgen Klopp als ZDF-Experte war wie immer großartig spontan -und das obwohl er sich gegen den TV- Rundumverköstiger Kerner durchbeißen musste.
Eine Zumutung für jeden Gebühren Zahler sind jedoch die dressierten Nachher -Quatschmacher, die mit Unterstützung von Klatschvieh unsere Nerven strapazieren und mit infantilem Gealbere (ZDF) oder klebrigen Altherrenwitzchen (ARD) dem Fußballsport schaden.

EM KOLUMNE 2008 (2) – Als Bettler unter Millionären

09. Juni 2008

( erschienen jeweils in 10 deutschen Tageszeitungen )

Alle rennen, beobachten, warten, tricksen, jagen. 368 EM-Spieler jagen die neuen EM-Werbebälle. Zigtausend EM-Journalisten jagen mit umhängendem Jagdschein nach jedem noch so absurden Gerücht, möglichst exklusiven Interviews und vor allem nach Spielern, die etwas sagen und zu sagen haben.

Nach den Spielen muss jeder mit möglichst gutem Stellungsspiel und notfalls auch mal Ellbogeneinsatz versuchen auf geschickten Laufwegen schnell in die Gemischt-Zone zu kommen, um von Großverdienern Antworten zu erbetteln. Wer sich eine

kritische Frage glaubt leisten zu können, weil er nicht mit dem langweiligen Einheitsgesülze konform gehen will, der lebt dann u.U. gefährlich und einsam.

In den 70- er und 80 -er Jahren war Sportjournalist zu sein noch ein Traumberuf. Jeder Spieler blieb bereitwillig vor dem einen oder auch mal drei bis fünf Reportern stehen. Heutzutage aber wimmelt es förmlich von zahllosen zugelassenen („akkreditierten“) unter enormem Zeitdruck stehenden O-Ton-Bettlern. Unabhängige, intelligente Journalisten kämpfen einen harten Kampf. Zumal versierte Kick-Millionäre und Offizielle diese Konkurrenzsituation der Medien ausnutzen, indem sie genau überlegen, ob sie die Gnade haben, kurz stehen zu bleiben um eher gelangweilt ein paar vorgestanzte Worte von sich zu geben. Unbequeme Fragesteller werden da schon mal schnell mit einem bösen Blick oder einem verständnislosen Kopfschütteln abgestraft oder einfach stehen gelassen.

Eine meiner Aufgaben in den nächsten Wochen wird es sein, für Sie einige der in meinen Augen und Ohren erfrischend kritisch und spontan gebliebenen Kolleginnen und Kollegen zu beobachten. Jene, die nicht im verführerischen Hauptstrom mitschwimmen. Jene, die nicht einfach nachschreiben oder nachlabern, sondern mit guter, wohltuender Stimme und verständlicher Sprache eine eigene Meinung haben und diese auch sagen bzw. schreiben.